Viele Tausende wertvollen Schriftstücke warteten auf die Übernahme in das Archiv. Die Beamten drängten nach einer schnellen Übernahme und übten starken Druck auf das Archiv in dieser Hinsicht aus. Auf Grund der schlechten Lagerungsverhältnisse gerieten die Schriften rasch in einen schlechten Zustand, ohne dass die Archivare dies verhindern konnten. Diese Umstände belasteten das Arbeitsleben der Archivare.
Aber unser ausdauernder Kampf führte zu einem Ergebnis. 1992 entschied die Stadtverwaltung von Budapest, dass das Archiv endlich eine entsprechende Unterkunft erhalten sollte. Jedoch folgte der guten Absicht wegen der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten nur langsam eine Umsetzung.
1993 entstanden unter Einbeziehung des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser die Pläne des neuen Archivgebäudes. Aber wegen der fehlenden finanziellen Mittel wurde 1995 das Investitionsprogramm eingestellt.
Die zweite, nun erfolgreiche Bauplanung begann 1998 mit einem neu ausgeschriebenen Planungswettbewerb. Das daraus entstandene Bauprojekt wurde in den Jahren 2002 bis 2004 verwirklicht.
Das Gebäude von der Tevestrasse aus gesehenDer wichtigste Punkt der vorrangegangenen Konzeption war die Idee eines dienstleistenden Archivs. Das Archiv soll eine öffentliche, freundliche Einrichtung sein, in der die Besucher leicht und unbehindert den öffentlichen Bereich erreichen können. Neben der Offenheit kommt auch die Sicherheit zur Geltung. Das bezieht sich auf die gesicherte, kontrollierte Zugänglichkeit zu den Schriftgütern und gleichzeitig auf die Überwachung durch technische Einrichtungen.
Bei der Funktion des Gebäudes hielten wir die einfachen Strukturen und die kostengünstige Betriebhaltung für wichtig. Als ideales Vorbild zogen wir das "Kölner Modell" mit natürlicher Klimatisierung in Erwägung. Doch rasch mussten wir einsehen, dass wegen der Lage des Bauplatzes sowie der Verkehrssituation dieses Prinzip nicht ausführbar war. Die Reinigung der stark verschmutzten Luft hat sich als unbedingt notwendig erwiesen. Zudem mussten wir eine vollständige Klimatisierung (Temperatur und Luftfeuchtigkeit) in unser Programm aufnehmen. Nebenbei wünschten wir uns in erster Linie solche Lösungen, welche auch in der Wahl der Baumaterialien einen vorbeugenden Schutz für das Archivgut bieten würden und technische Einrichtungen, welche bei Störungen der Klimaanlage an kritischen Tagen dennoch ein optimales, ausgeglichenes Depotklima erhalten könnten.
Die Architekten mussten das Gebäude auf einem langförmigen, rechteckigen Grundstück so errichten, dass es zu den Häusern der Umgebung passt. Von allen Wettbewerbsteilnehmern gewann jener die Ausschreibung, der ein Modell von einer entsprechend klaren und übersichtlichen Baukonstruktion vorlegte.
Das Gebäude gliedert sich in drei Gebäudeflügel, von denen jeder einzelne Flügel entsprechenden Tätigkeiten des Archivs zugewiesen wurde.
Erstes Stockwerk, GrundrissGEBÄUDEFLÜGEL "A"
In diesem ausgebauten Gebäudeflügel können die Besucher die Dienstleistungen des Archivs in Anspruch nehmen. Hier ist ein öffentlicher Bereich, der sich durch eine Offenheit des Betriebes auszeichnet. Durch einen mit einer Bogenglaswand versehenen offenen Haupteingang tritt man in die Vorhalle. Hier erhalten die Besucher an der Rezeption erste Informationen. Neben der Rezeption stehen den Besuchern zur Ablage ihrer Mäntel und anderer Dinge Garderoben zur Verfügung.
Die AulaDer Kundendienst im Erdgeschoss empfängt all jene, die sich mit ihrem Anliegen an unser Archiv wenden. Der Raum gewährt einen ruhigen Platz auch für vertrauliche Mitteilungen. Unsere Kunden können in der großzügig ausgestalteten Aula Platz nehmen und zwischendurch die Ausstellungen in den dort aufgestellten Schaukästen ansehen.
Im Erdgeschoss bietet der Vortragsaal Platz für 120 Personen. Hier finden wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen statt. Moderne audiovisuelle Einrichtungen, etwa für Synchronübersetzungen, bieten nicht nur dem Archiv, sondern auch den Besuchern eine niveauvolle Dienstleistung. Auf Grund der im ersten Jahr des Betriebs gesammelten Erfahrungen haben wir die Regelung der Lüftung des Saales so verändert, dass diese nur von Zeit zu Zeit durchgeführt wird, um so die Unannehmlichkeiten von starken Luftströmen zu verhindern.
Im ersten Stockwerk bietet ein Saal die Möglichkeit, originale Dokumente in Ausstellungen zu präsentieren, welche strengen Sicherheitsvorkehrungen unterzogen sind. Die Beleuchtung der Ausstellungsschaukästen ist variabel mit einem optischen Glasfasersystem möglich, um durch Beleuchtungsmittel entstehende hohe Temperaturen bei den ausgestellten Dokumenten zu vermeiden. Der Ausstellungssaal barg in erster Linie Probleme mit der Luftfeuchtigkeit, welche wir vorübergehend mit Mobilgeräten gelöst haben. Über das Problem verhandelten wir aufs Neue mit den Baufirmen und mit kleinen technischen Umänderungen wurden die Klimaverhältnisse korrigiert.
Der ForschungssaalDen Lesesaal des Archivs im zweiten Stockwerk erreicht man von der Vorhalle mit dem Fahrstuhl. Hier finden derzeit 56 Besucher Platz. Im Forschungssaal können zwei Computer, die an das interne Netz angeschlossen und so mit der Archivdatenbank verbunden sind, benutzt werden. Sollten mehrere Forscher recherchieren wollen, können weitere Gräte aufgestellt werden. Für das Lesen von Dokumenten auf Mikrofilmen stehen Mikrofilmlesegeräte zur Verfügung, die wegen ihrer Lärmentwicklung in einem durch eine Glaswand abgeteilten Raum aufgestellt sind. Sechzehn Lesern ist hier diese gleichzeitige Anwendung ermöglicht. Durch eine weitere Glaswand getrennt befindet sich der Forschungssaal für Gruppen, wo Studentengruppen das Studium an originalen Dokumenten ermöglicht wird.
Die Annahmen haben sich als richtig bestätigt, dass die Raumkapazität für die Forschung ausreichend ist und die Besucher die Umgebung als angenehm empfinden. Der Gruppenforschungssaal wird noch wenig in Anspruch genommen. Er bietet derzeit Platz für Gespräche zwischen Archivaren und Forschern.
Ein elektrischer Online-Katalog erleichtert die Verwendung von 30.000 Bänden der Fachbibliothek des Archivs. Wörterbücher, Lexika, Sammlungen grundlegender historischer Arbeiten sowie Zeitschriften stehen sowohl im Forschungssaal als auch im Lesesaal im dritten Stock den Forschern zur Verfügung. Das klimatisierte Bibliotheksdepot befindet ist im Flügel "B" im zweiten Stockwerk. Die Bücher sind in Fahrregalen aufgestellt. Die Bibliothek ist sowohl für die Archivbeamten als auch für die Forscher zugänglich und wird gerne genutzt.
Das Buffet im ersten Stockwerk bietet den Besuchern Stärkung. Das Angebot an Warmspeisen ist unerwartet zu einem großen Erfolg geworden.
Die Büroräume der Archivleitung befinden sich in der vierten und fünften Etage. Eine gute Erreichbarkeit für den Besucher ist gewährleistet.
Das Gebäude wurde behindertengerecht gebaut. Die Dienstleistungen stehen damit auch Menschen mit Handycap zur Verfügung.
GEBÄUDEFLÜGEL "B"
Im Gebäudeflügel "B" befinden sich die gesicherten, klimatisierten Depoträume. Hier liegen auch die Räume zur Aktenaufarbeitung und -Ordnung sowie die Arbeitsräume. In diesem Gebäudeteil werden die neuen Archivmaterialien übernommen und Maßnahmen zur Bestandserhaltung getroffen. In diesen Gebäudeflügel kann man nur mit Hilfe eines Eintrittkontrollsystems gelangen. Die Ein- oder Zweipersonenarbeitszimmer zeigen zur Stirnseite des Gebäudes und sind mit einem Heizungs- und Kühlsystem, einem Fan-cool-System ausgerüstet. Die Archivare arbeiten somit in der Nähe der Magazinräume.
Das zur Übernahme gebrachte Material wird zum Flügel "B" angeliefert. Von einer herunterklappbaren Rampe wird das Material vom Transportfahrzeug mit Hilfe einer hydraulischen Rampe zu den Lagern in die Höhe gehoben und vorübergehend in einen Lageraum gebracht, wo es auf die erste Sortierung wartet. Neben diesen Lagern liegen die Räume für die Restaurierung, in denen die Entstaubung erfolgt und ein Trockenapparat aufgestellt ist. Dieser Trockner entzieht der Luft sowie den Akten die Feuchtigkeit. In den Entstaubungskammern wird mit Hilfe von Bürsten und Druckluft der Schmutz entfernt und abgesaugt, so dass der entferne Staub nicht wieder in die Luft zurückgelangt. Die hier gereinigten Akten werden auf den Transportlinien ins Depot gebracht, die für eine Kapazität von bis zu 26.000 Laufmeter von Akten angelegt sind. Es kam zu keinen Stauungen kommen, die Fahrstühle hallten die Belastungen aus.
Die Temperatur der Aktenlager beträgt 18 ą2 C° und der relative Luftfeuchtigkeit 50 ą5 %. Die Temperatur des Mikrofilmlagers beträgt 14ą2 C° und die relative Luftfeuchtigkeit 35 ą5 %. Die Klimatisierung der Lager erfolgt durch ein geteiltes System mit funktionsgerechten Anlagen. So können diese auch voneinander unabhängig in Betrieb sein, was sowohl sicherheitstechnisch als auch wirtschaftlich von Vorteil ist.
Mit der Regelung der Temperatur und Luftfeuchtigkeit hatten wir fast ein Jahr lang Probleme. Die Anlagen standen in Dauerbetrieb. Dennoch konnten die vorgeschriebenen Werte nur schwer erreicht werden. Die Regelungsventile waren oft verstopft, weil die Verschmutzung in den Leitungsnetzen zu groß war. Nach deren Erneuerung hat sich herausgestellt, dass das Steuerungssystem des Computerprogramms nicht entsprechend war. Durch falsche Analysewerte schaltete sich das System ein. Ein neues Programm musste installiert werden, welches seitdem erfolgreich funktioniert. Die Klimatisierung der noch leer stehenden Lager wurde abgestellt.
Die durch die folgenden Messungen angewandten Baulösungen haben sich als vorteilhaft erwiesen. Die doppelte Durchlüftung der äußeren Wandstruktur sowie die Umrahmung der Lager durch ein Flursystem übt eine dämmende Wirkung aus und stabilisiert die Temperatur in den Depots. Die Eisenbetonwände sind innen mit Ziegelsteinen und mit Kalkmörtelversputz versehen. Dadurch wird die Isolation verstärkt, die Temperaturschwankungen gesenkt und eine Feuchtigkeitsdiffusion und damit die Stabilisierung der Werte ermöglicht.
Im Winter 2006 konnte auch in den gefüllten Lagern der Betrieb der Klimaanlage reduziert werden. Entsprechend der laufend gemessenen Werte schalten wir nur im notwendigen MaBe die Anlagen ein. Bei Außentemperaturen von unter 0 C° bleiben die Temperaturen auch ohne maschinelle Hilfe im vorgeschriebenen Bereich. Das Programm "Weniger Maschinen, mehr Natur" wollen wir mit Vorsicht auf das ganze Gebäude weiter ausdehnen.
Abgesehen vom Regalsystem in den Lagern des Erdgeschosses, sind die Depots derzeit gefüllt. Da die Aufnahmefähigkeit der Lager zu seinem Ende neigt, sind in den Fußböden bereits Schienen für Fahrregale eingebaut, die für eine Umstellung auf ein mobiles Regalsystem dienen. Mit dieser Umstellung kann die Aufnahmefähigkeit des Depots auf 75.000 Laufmeter Archivbenstand erhöht werden. Die Höhe der Regale beträgt 2.150 mm, zusammen mit den Fahrrahmen 2.300 mm. Die Regale sind alle 25 mm ohne Werkzeug, nur mit Hilfe von Haken verstellbar. Sie e sind bis zu 120 kg belastbar, jedoch kann die Belastbarkeit nachträglich mit versteiften, einsetzbaren Stangen bis auf 140-150 kg/Regalmeter erhöht werden. Das Regalsystem hat keine unfallgefährlichen Ecken und Kanten oder Oberflächen, die zu Verletzungen führen könnten. Bei der Ausgestaltung der Oberflächen wurden Farben, welche dem Aktenschutz entsprechen, elektrostatisch aufgetragen.
Das Brandschutzsystem ist doppelt ausgelegt: Die Alarmanlagen haben ionisierte und aspirierte Fühler und bestehen aus einer Kombination des Netzsystems. Der Einbau von automatischen Löschanlagen erfolgte nicht. Aus Naturschutzgründen und auch wegen der hohen Investitionen sowie Betriebskosten wurden Gaslöschsysteme abgelehnt. Eine automatische Sprinkleranlage wurde deshalb nicht gewählt, weil die unter Druck stehenden Wasserleitungen Schaden anrichten können.
Beim verwirklichten Prinzip melden die Sensoren die kleinsten Fehlermeldung und ermöglichen dadurch einen schnelle lokalen Eingriff. Die Meldungen laufen automatisch bei der Feuerwehrzentrale ein, um ein eventuelles menschliches Versäumnis bei drohender Gefahr auszuschließen. Gemeinsam mit der Feuerwehr wurden Löschpläne erarbeitet. Bei Feuergefahr darf nur mit solchen Mitteln gelöscht werden, welche die Archivgüter nicht beschädigen. Nur in dringenden Notfällen dürfen die Wasserspritzen angewendet werden.
Im Gebäude sind vier Fahrstühle in Betrieb. Neben jenem für den Transport der Besucher ermöglicht ein weiterer im mittleren Teil des Flügels "B" den Verkehr und die Aktenlieferung zwischen den Stockwerken. Ein weiterer Fahrstuhl gewährt die Lieferung zum Forschungssaal. Ein Fahrstuhl im "A" Gebäudeflügel dient der Personenbeförderung.
GEBÄUDEFLÜGEL "C"
Der dritte Gebäudeflügel beherbergt die Bestandserhaltüng des Archivs. Für Mikrofilmwerkstätten, Buchbinderei, Restaurierwerkstatt und eine kleine Heimdruckerei wurde ein Stockwerk ausgestaltet.
Die Grundfläche der Werkstätten und die Ausstattung sind den Ansprüchen entsprechend, es können gute technologische Prozesse organisiert werden. Für alle typischen Arbeiten steht genug Platz zur Verfügung. Der Plan einer Druckerei kam nicht zur Verwirklichung. Wegen des Anwachsens von EDV-Aufgaben werden wir die Digitalisierung und elektronische Aktenverwaltung als archivarische Aufgaben weiter umsetzen.
Der nordwestliche Gebäudeflügel benötigt laut Meinung der Architekten im Sommer keine Kühlung, aber unserer Erfahrungen nach steigen auch hier die Temperaturen zu hoch an. Deshalb beginnen wir im Sommer dieses Jahres mit dem Einbau von Kühlanlagen auch in diesem Gebäudeflügel.
Man kann über das neue Archivgebäude der Hauptstadt Budapest sagen, dass es von der Planung bis zur Umsetzung ein erfolgreiches Projekt ist. Bei der Inbetriebnahme zeigten sich kleinere Probleme, aber mit einigen Korrektionen ist es gelungen, diese zu lösen. Die Besucher sowie die Mitarbeiter des Archivs kommen mit Recht gern in das Gebäude.
Restauratierwerkstatt










